Die Nerdy Gurdy


In den 1990ern wurde ich einmal gefragt, ob ich eine Rezension über ein musikwissenschaftliches Buch schreiben würde. Zu dieser Zeit hatte ich über einige Jahre einen Lehrauftrag an der Universität GHS Essen und durfte die A8-Scheine ausstellen, also die Scheine für den musikwissenschaftlichen Part der Musiklehrerausbildung und ich war mit meiner Programmiersprache für die Musikologie in einigen Ländern aktiv. Ich willigte ein und meine Rezension wurde in irgendeinem musikwissenschaftlichen Magazin veröffentlicht und gelesen. Meine Kritik war positiv und so kamen weitere Anfragen. Und ich schrieb weitere Rezensionen. Und auch die wurden veröffentlicht. Dann aber war eine Kritik von mir nicht mehr ganz so positiv und ich wurde nie wieder gefragt, ob ich ein Werk rezensieren würde. Ich war darüber nicht sauer, denn so eine Rezension ist eine Menge Arbeit. Man muss sich mit dem Werk des Anderen auseinandersetzen, das Buch lesen und sich seine Gedanken aufschreiben und später zu einem Artikel ausformulieren. Ich wurde nicht mehr gefragt und so fing ich an, ungefragt meinen Senf zu allem Möglichem abzugeben. Und das möchte ich auch heute machen, ich schreibe nun über die viersaitige Nerdy Gurdy, die es auch als Bausatz von Jaap und Fay Brand aus Enschede in Holland gibt.

Ich habe mir diese Nerdy Gurdy gekauft, weil ich, selber am Bau einer Drehleier sitzend, Inspiration und Input haben wollte, wie so eine Drehleier gebaut werden kann. Die vielen und sehr wertvollen Hilfen meines verstorbenen Drehleierbauers Bernhard Petz sollten damit vervollständigt werden.



Will man eine Nerdy Gurdy haben, muss man sich an die etwas anderen Öffnungszeiten des Brandschen Onlineshops anpassen. Ich konnte an einem Sonntag um kurz nach 21 Uhr meine Bausatz-Bestellung (man kann auch die fertige Drehleier bestellen und zwischen zwei Typen wählen) aufgeben. Der Shop war an jenem Sonntag geöffnet von 21:00 Uhr bis 21:09 Uhr. Dann waren scheinbar ausreichend viele Bestellungen eingegangen und der Shop machte wieder dicht. An einem Sonntag zuvor hatte ich es schon erfolglos versucht.

Nach der Bestellung aber wurde ich gut informiert, meine Bestellung wurde bestätigt, ein paar Tage später wurde mir mitgeteilt, dass mit dem Schneiden meiner Leier begonnen wurde und einen weiteren Tag später wurde mir der Versand mitgeteilt. Am nächsten Tag war der Bausatz da.

Die Nerdy Gurdy ist mit dem Lasercutter aus Sperrholz ausgeschnitten, man bekommt drei Sperrholzplatten, ein (fast) fertiges Rad und eine Tüte mit diversen Zubehörteilen. Die einzelnen Bauteile fallen fast von selber aus den Sperrholzplatten raus. Der Laserschnitt ist hervorragend und mich hatte die Passgenauigkeit der Teile von der ersten Minute an begeistert. Die Sperrholzoberfläche ist gut furniert, allein schon das Anfassen der Teile macht Freude. Der erste Eindruck war also ein durch und durch positiver. Im Netz findet sich eine sehr gute Bauanleitung und der Zusammenbau ist relativ unproblematisch. Der Zusammenbau inklusive der Lackierung (ich habe zwei Dosen Autolack genommen, der wird ordentlich hart; eine Dose schwarze Farbe und eine Dose mattglänzenden Klarlackes) und viel Zeit des Bewunderns der Fortschritte dauerte keine 20 Stunden. Wäre ich nur mit dem Ziel daran gegangen, das Teil so schnell wie möglich fertig zu haben, wäre es in zehn Stunden sicher auch zu schaffen gewesen.



Beim Zusammenbau merkte ich schon die für mich einzige Schwachstelle, den Deckel des Tangentenkastens. Der war auch aus dem Sperrholz gelasert und hatte ziemlich scharfe Kanten, die beim Spielen sicher unangenehm auf die Hand gewirkt hätten. Ich habe sie auf beiden Seiten einfach abgeschliffen, um ein besseres Handgefühl zu haben. Dadurch würden nun die Scharniere überstehen und so habe ich auf diese (vorerst) verzichtet; eine für mich sehr brauchbare Lösung. Etwas befremdet hatte mich, dass die Antriebswelle (ein M8er Gewindestab) kugelgelagert ist. Bei meiner eigenen Selbstbauleier habe ich mit Nylonlagern gearbeitet, aus Angst, man könne Kugellager irgendwann hören. Zum Zusammenleimen habe ich übrigens Titebond-Leim und für alle anderen Verklebungen handelsüblichen Sekundenkleber verwendet. Alles in allem kann ich also sagen, dass der Zusammenbau wirklich einfach war.

Dann war sie fertig und ich konnte mit dem Einrichten beginnen. Das Rad spannte ich nochmal in die Drechselbank ein und sorgte (nur mit 180er Schleifpapier, es hätte also auch in die Bohrmaschine eingespannt werden können) für eine total glatte und gleichmäßige Oberfläche. Das Einstellen der Abstände der Bordunsaiten zum Rad ist mit Innensechskantschrauben sehr einfach möglich und auch der Steg (für die zwei Melodiesaiten; der Steg kommt aus dem 3D-Drucker) kann über zwei Schrauben höhenverstellt werden. Das Einrichten der Drehleier ist also denkbar einfach und - im Vergleich zu meinen anderen Leiern - sehr schnell geschehen. Allein das macht die Nerdy Gurdy absolut anfängertauglich!



Um das Wattieren der Saiten kommt der Spieler nicht herum. Auch dafür soll es eine Anleitung geben; ich habe sie mir aber (noch) nicht angesehen.

Und dann war ich richtig gespannt, die Nerdy Gurdy war fertig zusammengebaut, eingerichtet und wattiert, jetzt musste ich sie nur noch stimmen und konnte mein erstes Lied darauf spielen. Das Stimmen ist durch die verwendete Gitarrenmechanik sehr leicht möglich, die Saiten, die dann gerade nicht bearbeitet werden, lassen sich einfach „aushängen“.



Hält man die fertige Nerdy Gurdy in der Hand, fällt sehr schnell auf, wie durchdacht da manches ist: Man merkt schnell, dass hier viele Erfahrungen von Drehleierspielern eingeflossen sind. Ein spielbarer Ambitus von zwei (in Worten 2!) Oktaven ist bemerkenswert. Die gelaserten Löcher des Tangentenkastens und die gelaserten Tangententräger laufen sehr leichtgängig und fallen nach dem Loslassen einer Taste schnell in die gewünschte Position zurück. Die Tangenten sind mit Maschinenschrauben in die gelaserten Löcher der Träger geschraubt und können mit einem normalen Schraubendreher angezogen werden (durch das Lasern der Löcher sind die Lochkanten verhärtet, die Schrauben halten problemlos ohne Gegenmutter. Ich habe einige dieser Schrauben mehrfach angezogen und wieder gelöst, diese Verschraubungen direkt in das gehärtete Holz sind tatsächlich dauerhaft!).





Das Auftreffen der Tangenten auf die Saiten ist stellenweise, je nach Spielart, zu gut zu hören und bei manchen Musikstücken etwas störend. Mit Holztangenten ist das Geräusch zurückhaltender. Vielleicht könnte ein Überzug aus einem etwas weicheren Kunststoff, wie er auch bei Stahltangenten verwendet wird, hier etwas verbessern. Ich hatte mal darüber nachgedacht, einfach Kabelisolierung darüber zu ziehen, um das „Plock“-Geräusch etwas zu minimieren. Der Anfänger wird es wahrscheinlich aber gar nicht wahrnehmen.

Die Löcher der Tangententräger sind exakt gelasert, das empfinde ich als etwas störend, denn ich mag das heulende Geräusch, wenn man beim langsamen Drücken der Klaviaturtaste erst die eine Saite und kurz danach die andere verkürzt und dadurch einen vorhergehenden Ton des Zweiklanges um Nuancen länger halten kann. Bei der Nurdy Gurdy erfolgt der Wechsel sehr exakt. Wer das Heulgeräusch bisher nicht haben wollte, den wird es nicht stören. Ich vermisse hier etwas...



Es gibt die Nerdy Gurdy auch als sechssaitiges Instrument, ich hatte mich aber für die viersaitige Variante entschieden und somit Jaap und Fay Brand vertraut, dass die Kapodaster funktionieren - ein großartiges und absolut wahres Versprechen.

Ein kleiner Exkurs hierzu: Eine Drehleier ist in einer Tonart gestimmt. Normalerweise ist sie C-G gestimmt, das bedeutet, dass der tiefste Ton ein G ist und alle (bei der Nurdy Gurdy zwei) Melodiesaiten und die Bassbordunsaite auch G-gestimmt sind, die Bordunsaite der Schnarre dagegen in C gestimmt ist. Dann kann man alle Melodien gut spielen, die den Grundton C (oder natürlich auch G) haben. Reicht dieser tiefste Ton G nicht aus (in meiner Liedersammlung zum Beispiel das Lied Der grimmig Tod mit seinem Pfeil), dann kann man bei sechssaitgen Leiern die zwei anders gestimmten Bordunsaiten verwenden, die es dann erlauben, Stücke in D zu spielen (meist hängt die Schnarre aber nur an einer Bordunsaite). Diese zusätzlichen zwei Saiten können auch durch zwei Kapodaster an den Bordunsaiten ersetzt werden. Zum Verständnis: Wird bei einer Drehleier mit nur einem Schnarrsteg die Tonart gewechselt, muss die Schnarrsaite neu eingestellt werden. Durch den Zug des Schnarrfadens wird diese Saite aber zusätzlich verkürzt und dadurch eine weitergehende Verstimmung erzeugt, was das Stimmen der Schnarrsaite zu einem etwas komplexeren Unterfangen machen kann, da also „an zwei Rädchen gedreht“ werden muss. Die Kapodaster lösen dieses Problem hervorragend.

Etwas ungewohnt war für mich, dass eine der Melodiesaiten eine Basssaite ist. Anfangs befremdete mich das etwas, allerdings macht es sich sehr positiv beim Spielen bemerkbar, da es für einen vollen und weniger quäkigen Ton sorgt. Für mich war das Neuland. Der Klang ist so gut, dass ich die Leier auch schon für Musik in der Kirche eingesetzt habe.



Auch dem kleinen Rad vertraute ich anfangs nicht, da man umso schneller drehen muss, je kleiner das Rad ist, um die gleiche Bogengeschwindigkeit zu erhalten. Das kleine Rad tut aber seinen Dienst sehr gut. Und auch die Schnarre springt problemlos an, so dass sogar mein neunjähriger Sohn sie gut bedienen kann (das schafft er auf meinen anderen Leiern nicht so gut!).

Die Nerdy Gurdy ist ein Sperrholzinstrument und man hört es, obwohl der Klang erstaunlich gut ist. Eine Echtholzkieferdecke würde den Klang allerdings noch bedeutend verbessern. Das Sperrholz hat mich dann aber auch dazu gebracht, das Teil einfach mit Autolack aus der Sprühdose zu lackieren, was ich mit einer Echtholz-Leier nie machen würde (Farbempfehlungen fehlen leider in der sehr guten Bauanleitung). Dem steht der Preis gegenüber, der natürlich super ist und es vielen Menschen ermöglichen wird, sich überhaupt eine Drehleier anzuschaffen.



Rezensiert man etwas, muss da irgendwo ein Fazit stehen, eine Bewertung, eine Empfehlung oder eine Ablehnung. Soetwas spreche ich nun gerne aus: Ich bin sehr angetan von der Nerdy Gurdy. Natürlich ist sie kaum vergleichbar mit einer Echtholzdrehleier, die in Handarbeit als Einzelstück gefertigt wird. Für den Anfänger an der Drehleier ist die Nerdy Gurdy aber ein sehr guter Einstieg und sie wird die Lust an diesem Mittelalter-Instrument wecken. Und für mich? Jetzt habe ich tatsächlich endlich die Leier, die ich mit in den Campingwagen auf den Flugplatz nehmen und dort Nächte durchspielen kann. Und jetzt habe ich die Drehleier, die ich einfach in den (selbstgenähten) Rucksack stecken und auf Wanderungen mitnehmen kann. Übrigens sind die beiden obigen Videos auf zwei ausgedehnten Urlaubs-Spaziergängen entstanden, als ich die Drehleier dabei hatte und im Wald eine offene Kapelle fand. So hatte ich es mir immer vorgestellt.

Ach ja, erwähnt sei noch, dass ich Fay Brand mein Lob über die Nerdy Gurdy schon via Email aussprach. Sie offerierte mir einen Link, wo sie die Pläne der dreisaitigen (Vorläufer-) Nerdy Gurdy publiziert hat. Die Nerdy Gurdy kann man sich also sogar noch günstiger anschaffen, man braucht nur einen Nachbarn, der einen Lasercutter besitzt. Hat man dann noch einen anderen Nachbarn, der Sperrholz übrig hat und einen weiteren mit Leim... Jaap und Fay, das habt ihr großartig gemacht!

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e-mail: Ulrich Franzke <diakon@franzke-bochum.de>