Notlandung bei Nettenscheid


Krampfhaft umklammerte meine Hand den Steuerknüppel und zog den Bremsgriff der bergaufwärts und nur noch auf zwei Rädern stehenden C22 fest. Eine Notlandung auf einer von Wildschweinen zerpfurchten Wiese. Am 10. September 2006 hatte ich eine Außenlandung mit der C22.

Doch wie war es dazu gekommen? Mit Tim hatte ich Flugaufsicht an dem Tage, wir saßen bis zum Nachmittag im Turm und ließen die anderen Flieger raus. Am Abend, als der Wind von über 20 Knoten quer zur Bahn auf etwa die Hälfte abgeflaut war, wollte auch ich fliegen. Rupe (Peter), einer unserer Miteigentümer der C22, fragte mich, ob er mitfliegen könne. Natürlich!

Das Photo links ist eines der ersten, die ich nach unserer Notlandung gemacht hatte.

Wir starteten problemlos zur ersten Platzrunde über die Startbahn 24. Die Startrichtung 24 geht nach Westen über das Lennetal, nach dem Start gibt es also nur noch tiefer liegenden Wald und unten im Tal den Fluß. Zu zweit ist ein Start in Richtung 24 die bessere Wahl, da es keine Probleme mit Bäumen auf Flughöhe am Ende der Startbahn geben kann und damit keine Probleme, gegen Leewalzen kämpfen zu müssen.

Nach Absprache mit der Flugaufsicht (Tim) landete ich Richtung 06, um von der tief stehenden Sonne nicht geblendet zu werden. Sofort nach der Landung rollte ich die wenigen Meter, um wieder über 24 starten zu können.

Kurz nach dem zweiten Start fragte mich Rupe, was ich denn an diesem Orte bei einem Motorausfall machen würde; direkt nach meiner Antwort, der Suche nach einem sicheren Notlandeplatz, setzte der Motor aus. Totaler Leistungsabfall bei Vollgas, bei Standgas erholte er sich wieder. Bei einer Höhe von maximal 50 Metern über Grund eine echte Horrorvision, die jetzt wahr wurde. Für eine 180 Grad Wende waren wir nicht hoch genug, ein Versuch einer solchen Kurve hätte mit einer Katastrophe geendet - also konnten wir nur weiter fliegen.

Mein erster Funkspruch lautete: "Hegenscheid Info, wir haben ein Problem!"

Das Bild rechts ist während der ersten Platzrunde entstanden, "als die Welt noch in Odnung war".

Vor uns war nur das bebaute und gewundene Tal des Flusses und davor sehr viel Wald. Wenn ich Gas zurück nahm, stabilisierte sich der Motor, wenn ich das Gas etwas erhöhte, fiel die Leistung schlagartig ab. Am beängstigenden Wackeln des Motors konnte ich sehen, dass einer der beiden Zylinder ausgefallen war. Das Motorwackeln war derart drastisch, dass ich mit einem Abriss des gesamten Motorblocks rechnen musste.

Der Funkspruch zum Flugplatz: "Hegenscheid, der Motor macht Probleme!"

Ich steuerte über das Tal. Die rechte Hand, die den Steuerknüppel umschloss, war bereit, die Rakete des Rettungsschirmes durch Zug am Auslösegriff zu zünden, gleichzeitig suchte ich den Wald nach Gebieten mit vorwiegendem Tannenbewuchs ab. Tannen sind weich, darüber geht man lieber runter als über Laubwald.

Der Funkspruch zum Flugplatz: "Hegenscheid, vielleicht müssen wir die Rettung auslösen..."

Das Photo links entstand wenige Augenblicke nach unserer Notlandung. Den sofort herbeigeeilten Helfer bat ich um die Erstellung dieser Photographie, nachdem ich Rupe dringend um absolutes Festhalten des Bremsgriffes ersuchte.

Rupe erwies sich während des Fluges als hervorragender Notfallmitflieger, mit einem Gottvertrauen saß er neben mir und gab nur die aktuellen und geringer werdenden Höhenwerte bekannt, die er auf dem Variometer ablesen konnte und in besonders kritischen Situationen, wenn die Geschwindigkeit in dem Bereich von unter 65 km/h kam, gab er auch dieses von sich. Im Nachhinein dachte ich öfter, dass ein panischer Mitflieger sicher für einen unglimpflichen Ausgang gesorgt hätte... Nicht so Rupe!

Mit soviel Gas, dass der Motor gerade noch lief und der Höhenverlust so gering wie möglich war, schafften wir es über das Tal auf die andere Seite zu kommen, die etwa 100 Meter tiefer liegt als der Startplatz. Wiesen kamen in Sicht, die Situation war entschärft.

Der Funkspruch zum Flugplatz: "Hegenscheid, wir machen eine Außenlandung."

Jetzt mussten wir also nur noch eine geeignete Wiese ausmachen und versuchen, möglichst schadlos herunter zu kommen. Der Motor wackelte mehr und mehr in seiner Halterung, die Leistung war komplett weg; gerade mal mit Standgas lief er.

Die Wiese hatte ich schnell ausgemacht und mit ordentlichem Sinken steuerten wir darauf zu. Eine C22 ohne Motor fällt fast genauso schnell vom Himmel wie ein gebremstes Klavier.

Im letzten Moment sah ich den Stacheldraht, der die Wiese in zwei Teile trennte und uns sicher zum Verhängnis geworden wäre. Eine andere Wiese? Ja, direkt hinter ein paar Bäumen gab es eine, aber würden wir es dahin schaffen? Ich war mir sicher, dass wir es schaffen würden und änderte den Kurs. Ich zog die Nase der C22 nach unten, um mehr Geschwindigkeit zu bekommen, anders wären wir nicht über die Bäume gekommen. Kurz vor der Wiese und mit Kurs direkt in die Bäume zog ich die Nase wieder hoch.

Als von Rupe die Äusserung "knapp 60 km/h" kam und wir noch ca. drei Meter über den Bäumen waren und die rettende Wiese direkt vor uns hatten, zog ich die Nase wieder runter, um nicht die letzten Höhenmeter mit einem Strömungsabriss verlieren zu müssen. Das Flugzeug beschleunigte nochmal, zwar lief der Motor noch, aber eine Hilfe war er nicht mehr.

Dann setzten wir auf. Die Wiese, die von oben so glatt aussah, erwies sich als absolute Holperstrecke. Der etwas später gekommene Wiesenbesitzer schob alle Verantwortung von sich und lastete sie den Wildschweinen an.

Geschafft, wir waren unten. Das Flugzeug rollte den steilen Berg hoch, kam zum Stehen und kippte nach hinten um.

Der Funkspruch zum Flugplatz: "Hegenscheid, Außenlandung erfolgreich abgeschlossen, keine Schäden erlitten."

Der Flugplatz informierte die Polizei über eine Aussenlandung, die etwa einen Kilometer südwestlich von Nettenscheid erfolgreich absolviert wurde. Rupe als alter Feuerwehrmann übermittelte die gleiche Information an seine Kollegen.

Auf dem Photo zeige ich auf die Bäume, die wir nur knapp üeerflogen hatten und mit der anderen Hand auf die Stelle, an der wir zu stehen kamen.

Da hat man die Notlandung dann hinter sich und denkt, das war es nun, jetzt ist alles überstanden und dann kommt der Gedanke: "Aber wie kommt das Flugzeug nun wieder in den Hangar?"

Andreas hatte sich sicher diesen Abend anders vorgestellt. Natürlich kam er sofort nach dem Anruf und der Meldung der Notlandung mit seinem Anhänger, um in zwei Fahrten die auseinander genommene C22 zurück zum Hegenscheid zu fahren. Auch Dirk, der auf dem Flugplatz auf Rupe wartete, kam mit, um beim Abtransport der C22 zu helfen.

Dank an Anreas und Dirk!

Um kurz vor Mitternacht war die Aktion beendet. Die C22 stand, zerlegt in mehrere Teile, wieder im Hangar des Flugplatzes EDKD.

Natürlich möchte ich wieder mit ihr fliegen, aber zuvor müssen wir eine Fehleranalyse betreiben, um das Flugzeug wieder flugsicher zu machen.

Während des gesamten Fluges gab es eigentlich nur zwei kritische Situationen: Der Motorausfall direkt nach dem Start und die Baumnähe kurz vor der Landung. Ein Dank an dieser Stelle an meinen Schwiegervater Heinz, der mir ein Buch schenkte, in dem (unter anderem) mit plausiblen Zeichnungen vor der 180 Grad Kurve bei Motorausfall in geringer Höhe direkt nach dem Start gewarnt wird. Die entsprechende Zeichnung hatte ich vor Augen, als ich mich zum Weiterfliegen entschloss.

Für mich war es interessant, dass in der extrem kritischen Situation mein Gehirn einfach, im Überlebensmodus befindlich, auf Automatikbetrieb schaltete und funktionierte, ohne die Spur von Panik zu erzeugen; ich hatte keinen Moment das Gefühl, selber aktiv gedacht zu haben, es funktionierte einfach alles und ich konnte es mir von außen ansehen. Das war aber auch nur möglich, weil ich beim Fliegen immer nach Notlandeplätzen Ausschau hielt und mir überlegte, wie ich in solch einer kritischen Situation reagieren würde.

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Ulrich Franzke <sinus@ulrich-franzke.de>